Zunft- und Handwerkstänze

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Zunft- und Handwerkstänze im Alpenland am Beispiel des Salzburger Bindertanzes und der Schäfflertänze aus Bayern

von Klaus Fillafer

Frühgeschichte

Zunächst sei eingeführt, daß die Frühgeschichte von Reigen- und Kettentanzformen bis heute nicht restlos geklärt werden konnte, da man auf frühgeschichtliche Quellen und Nachrichten angewiesen ist, die teils spärlich fließen, teils noch unerforscht sind. Wir können uns heutzutage nur mehr auf schriftliche Nachrichten und auf Bildzeugnisse stützen, die oft auch ein gerüttelt Maß an Vermutungen, von verschiedensten Deutungen und Erklärungen zulassen.

Beginnen wir bei den Vorläufern unserer Reif- und Schwerttanzformen, den Waffentänzen, die in ganz Europa, vor allem in der Zeit der jahrhundertelangen Glaubenskriege und Kämpfe üblich waren. Man versuchte damit Verbindung mit dem Überirdischen und Übersinnlichen aufzunehmen und den Ausgang einer kriegerischen Auseinandersetzung für sich günstig zu beeinflussen. Diese Tänze treten in sehr unterschiedlicher Gestalt auf, gelegentlich als Fechttänze und Kampfnachahmungen oder auch nur tücherschwingend mit starken Beinbewegungen der schellenbekränzten Beine. Gewöhnlich in Sechser- oder Achtergruppen von Männern getanzt, wobei die Gruppen aufeinander bezogene Figuren tanzten, mit Platztausch, Durcheinanderschlängeln, in Achterlinien gehen, usw.(1)

Schwerttanz

Eine erweiterte Art des Waffen- und Kettentanzes ist der Schwerttanz, ein reiner Männertanz, der ursprünglich an Männervereinigungen verschiedenster Art gebunden war. Wir finden in Europa die mannigfaltigsten Formen dazu. Der Schwerttanz in Europa unterscheidet sich von dem anderer Erdteile dadurch, daß er die Schwerter meist nicht als Waffen verwendet, sondern als Verbindungsglieder, um eine Kette oder einen geschlossenen Kreis herzustellen.(2) Ohne die Fassung zu lösen, verschlingt und entwirrt sich nun dieser Kreis in einer beim ersten Anblick kaum glaublich scheinenden Weise. Es werden Drehungen oder Sprünge durchgeführt, der Kreis wird nach außen gewendet und wieder eingedreht, wobei die Tänzer unter einem oder mehreren Toren durchgehen. Ebenso springen sie über die tiefgehaltenen Schwerter oder durch ein Schwertfenster, das aus einem hoch-und tiefgehaltenem Schwert gebildet wird. Immer wieder dreht sich die Schwerterkette auch zur Spirale ein und aus. Die Schwerter werden zu tragenden Gebilden vereinigt, auf die ein Tänzer treten und in die Höhe gehoben werden kann. Es ist geradezu ein phantastisches Linienspiel, das an die Aufmerksamkeit und Beherrschtheit der Tänzer höchste Anforderungen stellt.

Inhaltlich wird das Bedeutsame des Schwerttanzes durch eine Spielhandlung unterstrichen, die das Töten und Wiedererwecken zum Inhalt hat. Dies kann z.B. den Jahreslauf symbolisieren bis hin zum Initiationsritus, der Aufnahme des Jünglings in eine Männergemeinschaft. Es wird dargestellt, daß der bisherige Mensch stirbt und als neuer, anderer aufersteht. Dazu kommt, daß die Schwert- und Reiftänze nie von beliebig zusammengewürfelten Gruppen getanzt wurden, sondern von festen Männergemeinschaften, seien es Bergwerksbruderschaften, von ünften oder ländlich bäuerlichen Burschenschaften.

Voran steht der Schwertertanz der Nürnberger Messerschmiede welche bereits im Jahre 1350 von Kaiser Karl IV. ein Privilegium erhalten haben, in Nürnberg, um Fastnacht ihren Schwertertanz zu halten. Dieser Tanz wurde alle sieben Jahre zur Aufführung gebracht und war nach Berichten noch 500 Jahre später, um 1850, in Gebrauch. Ähnliche Schwerttänze wurden auch anderwärts bei öffentlichen Aufzügen gehalten wie in Frankfurt, Prag, Augsburg, in Köln oder in Sachsen. Auch die Bewohner der oberösterreichischen Stadt Braunau kamen alljährlich nach München und hielten dort vor den ansehnlichsten Häusern auf der Straße einen Tanz mit entblößten Schwertern ab, welchen sie Schwerttanz nannten.(3)

Weitere Beispiele aus Österreich bzw. Salzburg sind der Ebenseer, der Laufenbacher oder der Halleiner Schwerttanz, welcher nachts auf dem Dürnberg getanzt wird, wo sich die Salzbergwerke befinden. Die Wurzeln dieser Tänze reichen weit in das Mittelalter zurück, 1398, beim ersten Erscheinen schriftlicher Quellen sind diese Tänze bereits voll ausgebildete Formen. Der Schwerttanz am Dürrnberg bei Hallein, südlich von Salzburg, ist bereits 1586 nachzuweisen. Hier sind es die Knappen des Salzbergwerkes, die ihn am Pfingstmontag tanzen.(4)

Eine lange Forschungsarbeit von Univ.Prof Richard Wolfram hat dazu geführt, fast dreißig verschieden Formen der Schwert- und Reiftänze in Europa zu finden: darunter in Nordengland, Spanien, Deutschland, Holland, Belgien, Schweden, Schweiz, Flandern, Frankreich, Oberitalien, dalmatische Inseln und natürlich auch in Österreich.

Reiftanz

Ein Abkömmling des Kettenschwerttanzes ist der Reiftanz. Bei ihm wird die Verbindung von Mann zu Mann durch Halbreifen hergestellt, die mit Grün und Blumen umwunden sind. Die Bewegungen sind fast die gleichen wie beim Schwertertanz, wenn nicht berufsbedingte Veränderungen den Tanz verändert haben. Der Schwerttanz wie auch der Reiftanz sind eben Kettenformen die gemeinsam bestimmte figurale Elemente aufweisen, wie den Kreis, das Tordurchziehen, das Überspringen der Schwerter oder der Reifen, die Brücke oder den Stollenbau, beim Schwertertanz zuletzt der Stern mit Hochheben des Fahnenjunkers, beim Reiftanz zuletzt die Krone mit Hochheben derselben. Beim Schwert- wie auch beim Reiftanz finden wir im Anschluss an den eigentlichen Tanz ein Spiel, wobei der, den Tanz begleitende oder anführende Narr, ob als Hanswurst, als Paschi, als Schalk oder als Hans Obermoar, die Hauptrolle stellt.

In den Städten pflegten den Reiftanz vor allem die Küfer wie z.B.der Salzburger Küfertanz und der Münchner „Schäfflertanz“. Bei ihnen treten verschiedene Kunststücke hinzu, wie das Schwingen eines Ganzreifens nach dem Takte der Musik, in dem ein volles Glas Wein steht. So geschickt muß die Fliehkraft ausgenützt werden, daß das Glas nicht herunterfällt und auch vom Weine nichts verschüttet wird.

Eines der großartigsten Reiftanzspiele Österreichs ist der Tanz der Hüttenberger Knappen in Kärnten. Er findet am ersten Sonntag nach Pfingsten statt, dem sogenannten „Laubhüttenfest“. Vor dem Tanz erfolgt das feierliche „Radschlagen“ bei dem die gesamte Belegschaft der Bergknappen in einer gewaltigen Spirale unter der weißen Bruderschaftsfahne hindurchzieht. Dies gilt als Gelöbniss der gegenseitigen Unterstützung und der Bruderschaft.(5)

Von Olaus Magnus werden Schwertertänze, nämlich lärmende Waffentänze mit Schilden und Schwertern, von den nordischen Völkern beschrieben. Eben daher stammt auch der Bogen-, Bügel oder Reifentanz: Mit Bogen oder Reifen versehen, gehen sie im Kreise herum, indem sie mit leisem Gesang die Taten der Helden besingen und dann mit Flöten und Handpauken Musik ausführen. Mit gelöstem Bogen gehen sie eine Zeit lang schneller einher und bilden, wie sonst mit den Schwertern, durch gegenseitiges Zuneigen der Bogen eine Rose, in der Form eines Sechsecks. Sie springen auch nach Art der Fische durch die Reifen, und damit dies desto angenehmer und hörbarer geschehe, heften sie sich Schellen und eherne Glöckchen an. Nach ihrem Führer „König“ genannt, richten sich alle in ihren Bewegungen und Gesängen. Der Bogen-, Bügel- oder Reifentanz kam in früheren Jahrhunderten zumeist durch die Böttchergesellen in den großen Städten öffentlich zur Ausführung, daher der Name, Schäffler-, Böttcher- oder Büttnertanz.

Der Tanz selbst besteht aus folgendem: Die Teilnehmer sind mit runden Faßreifen versehen, welche sie während des Tanzes zu Gruppen und kleineren Kunststückchen benutzen. Oft bilden sie, den eigenen Reif mit der einen und den des Nebenmannes mit der anderen Hand haltend, einen Kreis, um die Einheit der festgeschlossenen Zunft darzustellen. Jeder weiß, nächst vielen Belustigungen unter anderen mit großer Behändigkeit den Reif über den Kopf und unter die Füße hinweg zu schlagen, darüber hinweg zu springen und sich sonst in hübschen Bewegungen zu wenden; bald wickeln sich alle, durch die dann aufgelösten Reifen verbunden, umeinander herum; zwei der Tanzenden bleiben auch wohl stehen, ihre gelösten Reifen in die Höhe haltend, um die anderen darunter hinweg tanzen zu lassen: Reifen mit darin stehenden, gefüllten Gläsern, werden schnell und langsam herum geschwungen und dann erst das „Lebe hoch“ ausgebracht, usf. Gleich nach Beendigung des letzten Tanzes aber werden die Reifen zerbrochen, und jedermann sucht „ein Stück“ eines beim Reifentanz gebrauchten Faßreifes“ zu erlangen, welches der Aberglaube als „Glück bringend“ bezeichnet.(6)

Handwerkstänze

Somit haben wir nun bereits zu den Zünften und Handwerkern übergeleitet. Zu den Kennzeichen und zu den Beweisen eines gesunden und wohlhabenden Handwerkerstandes gehörten im 14. bis 16. Jahrhundert die festlichen öffentlichen Aufzüge und Tänze, von denen einige jährlich, andere nur bisweilen gehalten wurden. In vielen Chroniken wird über solche Handwerksfeste berichtet, wobei fast alle Zünfte wie z. B. die Leinenweber, die Metzger, Büttner (Schäffler), die Messener, die Schmiede, die Lederer, um nur einige zu nennen, ihre eigenen Aufzüge und Feste hatten.

Die Innungen, welche diese Feste organisierten, die Meister, Gesellen und Lehrjungen in den großen Städten, zogen festlich geschmückt mit ihren Innungsabzeichen, Fahnen und Kränzen mit Musik von Pfeifen und Trommeln durch die Stadt wo sie fröhlich zechten und tanzten. Die Zeit, zu welcher diese Handwerkstänze gehalten wurden, waren gewöhnlich der dritte Pfingsttag, die Fastnachtszeit (der Fasching) auch zuweilen der Johannistag. Besonders wichtig dabei war der Tag der jährlichen Versammlung der Zunftgenossenschaft, der mit einem gemeinsamen Mahle und fröhlichen Tänzen beschlossen wurde. Während die meisten Zünfte keine besonderen Tanzformen aufwiesen und lediglich die Tänze der damaligen Zeit in Gebrauch hatten, waren für die Messerschmiede der Schwertertanz, für die Büttner (Böttcher), also für die Faßbinder der Reiftanz und für die Tuchmacher der Fahnentanz bezeichnend.(7)

Die Zünfte bildeten im Mittelalter eigene Gesellschaften und hatten ihre eigenen Tanzstuben. Solchen, die keine eigenen Tanzstuben hatten, wurde bisweilen das Rathaus überlassen. Der Zunftmeister hatte sowohl den Meistern, als auch den Gesellen die Erlaubnis zu den Zunfttänzen zu geben. In einigen Städten hielten die Zünfte zur Fastenzeit Aufzüge und Tänze im Freien. Zunfttänze waren Tanzfeste, an welchen sich nur Mitglieder einer Zunft mit ihren Familien und Angehörigen beteiligten. Es ist anzunehmen, daß viele Tourentänze bei den Zünften gebräuchlich waren. Es ist aber nirgends ein eigentlicher bestimmter Tanz, außer dem Schwertertanze und dem Bogen-, Bügel- oder Reifentanz, welcher dieser oder jener Zunft als Gebrauch im Zunftwesen eigentümlich gewesen wäre, anzutreffen. Die beiden Tänze, der Schwertertanz und der Bogentanz, sind als Kriegs- und Friedenstänze auf die Handwerker übergegangen, weil sich bei diesen der Sinn für bestimmte Gebräuche fester setzte und ausbildete, als in anderen Ständen.(8)

Die zwei Zunfttänze, der Schwerter- und Reifentanz waren also nicht nur einer Zunft allein zugehörig, denn man findet, daß die Messerschmiede, Kürschner, Metzger und Schuhmacher den einen, und die Böttcher, Tuchknappen und Kürschner den anderen ausführten. Von Aufführungen dieser Tänze bei noch anderen Zünften wird in den verschiedensten Chroniken nichts berichtet. Beispielgebend für alle Reiftanzformen soll nun noch kurz auf den Salzburger Reiftanz eingegangen werden. Dieser Tanz ist einem alten Gewerbe zugeordnet, das durch die Herstellung von Bierfässern für die vielen Brauereien und der Salzkufen für den Salztransport gekennzeichnet war. Der Tanz soll nach einer Legende im Jahre 1517 aus Freude und Dank zur Vertreibung der Pest in Salzburg entstanden sein. Er wurde zunächst im Jahre 1830 zum letzte Male aufgeführt. Leider ging dabei die Form, die über Jahrhunderte getanzt wurde, verloren, so daß erst im Jahre 1924, kurz nach dem ersten Weltkriege, eine erneuerte Tanzform, mit Anleihe am Münchner Schäfflertanz zur Aufführung gebracht werden konnte. Eine neue Trägerschaft übernahm von nun an die Pflege des Salzburger Bindertanzes, welcher nun bei festlichen Anlässen und Gelegenheiten als Höhepunkt aufgeführt wird.

Nachweise

(1) Richard Wolfram, Tanzhistorische Studien V: Reigen und Kettentanzformen in Europa, Deutscher Bundesverband Tanz e.V. S.46.

(2) Richard Wolfram, Die Volkstänze in Österreich und verwandte Tänze in Europa, Otto Müller Verlag, Salzburg, S.80,81

(3) Franz M. Böhme, Geschichte des Tanzes in Deutschland, I.Teil, Breitkopf & Härtel Wiesbaden, S.64, 65.

(4) Richard Wolfram, Die Volkstänze in Österreich und verwandte Tänze in Europa, Otto Müller Verlag, Salzburg, S.82.

(5) Richard Wolfram, Die Volkstänze in Österreich und verwandte Tänze in Europa, Otto Müller Verlag, Salzburg, S.83.

(6) Rudolph Voß, Der Tanz und seine Geschichte, Documenta choreologica, Erfurt, Verlag von Fr. Bartholomäus, S.154, 155.

(7) Franz M. Böhme, Geschichte des Tanzes in Deutschland, I.Teil, Breitkopf & Härtel Wiesbaden, S.63.

(8) (6)Rudolph Voß, Der Tanz und seine Geschichte, Documenta choreologica, Erfurt, Verlag von Fr. Bartholomäus, S.151, 152.

Quelle

Der Fröhliche Kreis, Dezember 1999