Nachruf Hermann Derschmidt

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Hermann Derschmidt (* 15. Februar 1904 in Kollerschlag; † 17. Juli 1997 in Wels, war ein österreichischer Lehrer und Volksmusikforscher.

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Nachruf zu seinem 100. Geburtstag

von seinem Sohn Volker Derschmidt

Heuer feierten wir am 15. Feber einen sehr runden Gedenktag: Im Jahre 1904 war es – welch ein Omen! – der Fasching-Montag, als Hermann Derschmidt als vorletztes Kind in eine schon zahlreiche Lehrerfamilie hinein geboren wurde.

Wenn man das Leben und Wirken des trotz gesegneten Alters doch recht unerwartet 1997 plötzlich verschiedenen Sammlers, Forschers, Musikers und Chorleiters rückblickend betrachtet, fällt – vor allem den Eingeweihten – das breite Spektrum seiner Betätigung auf. Wer in ihm „nur“ den Volkslied- und Volkstanzsammler und -pfleger kennt und sieht, kennt nur einen zwar maßgeblichen Teil, aber bei weitem nicht die Fülle seiner Persönlichkeitsstruktur.

Da wäre einmal der Sportler Hermann Derschmidt, der in seiner Studentenzeit als Geräteturner und Leichtathlet „aufgeigte“; dem es noch als Fastvierziger kindliche Genugtuung bereitete, als er bei wehrmachtsinternen Wettkämpfen die frisch eingerückten „jungen Tupfer“ ausgerechnet im Hundertmeterlauf hinter sich ließ; der als junger Wandervogel Fußmärsche – u.a. bis zur Adria – zurücklegte; der als Junglehrer die Gesäuseberge kletternd eroberte und bereits Anfang der 30er-Jahre Schitage an seiner Altenberger Volksschule abhielt; der noch bis in die hohen Sechziger bei Schitouren mit uns Jungen mithielt. Ausschlaggebend für solche Rüstigkeit war sicherlich auch seine fast asketische Lebensweise, erworben durch die karge Jugendzeit um den I. Weltkrieg herum, durch die bewusste – und sehr, sehr strikt eingehaltene – Tabak- und Alkoholabstinenz und bewussten Luxusverzicht, nicht nur angesichts der allmählich heranwachsenden Großfamilie: fünf Söhne, drei Töchter!

Dann gäbe es den Sänger Hermann Derschmidt.

Schon durch die Vorfahren „belastet“ – von seinem Urgroßvater Mathias Derschmidt existiert eine „Deutsche Singmesse“, von seinem Großonkel Joseph Derschmidt einige erst kürzlich durch Zufall auf einem Flohmarkt aufgetauchte Handschriften mit Gesellschaftsliedern und Flöten-Landlern und -Deutschen aus dem Biedermeier –, wird auch im Familienkreis viel gesungen und musiziert; Mutter Luise, eine gute Pianistin, gründet den Kirchenchor Arnreit und legt so den Grundstein für eine dort heute noch blühende musikalische Dorfkultur. Unter deren steirischen Vorfahren war auch eine Gewährsperson der „Sonnleithner-Sammlung“ von 1819!

Schon in den Zwanzigerjahren kommt er mit der das damalige Chorwesen revolutionierenden Singwochenarbeit Walther Hensels im Sudetenland in Berührung, war daraufhin bei deren „Alpinisierung“ unter dem Titel „Almsingwoche“ durch den Linzer Robert Treml von Anfang an mit dabei und hat schließlich nach dem Krieg dessen Erbe wieder aufgegriffen und weitergeführt. Die Grundidee der Almsingwochen war es, das alpenländische Lied, den Jodler, den Tanz und die Musik neben der „klassischen“ Chorarbeit in das Singwochenprogramm zu integrieren und darin keinen gegenseitigen Ausschließungsgrund, kein Tabu und geschweige denn einen Stilbruch zu sehen. Von den 50er- bis in die 80er-Jahre fanden sich in schön gelegenen, meist alpinen Heimen – Edtbauernalm, Wurzeralm, Hohenlehen, Obertauern, A. Stifter-Herberge u.a. – bei mehreren Dutzend Almsingwochen viele hundert begeisterte Sänger aus Österreich, Südtirol, Bayern, Württemberg und sogar aus Norddeutschland zu unvergessenen musikalischen und menschlichen Erlebnissen zusammen; nicht wenige Familiengründungen gehen auf solch eine Woche zurück!

Dann gibt es den Musiker und Musikanten Hermann Derschmidt.

Als Lehrer musste er ja in seiner Studentenzeit schon von Berufs wegen mit Klavier/Orgel und Geige umgehen lernen (Das Bratschenpult sollte später im Familien-Streicherensemble sein Stammplatz werden), desgleichen – als Gründungsmitglied – beim Welser Kammerorchester. Von einer Singwoche in Deutschland brachte er 1929 das erste komplette Blockflötenquartett (in a’-d’-a-d, also eine Terz tiefer als heute!) nach einer vielleicht 150-jährigen Vergessenspause nach Österreich mit, von einer anderen Woche eine Gambenfamilie, ein Quinton und eine Knickhalslaute. Zusammen mit dem Musikwissenschaftler Dr. Joseph Bacher und Freunden wurde daraufhin auf diesem damals sehr exotischen Instrumentarium – lauter Wiederentdeckungen der Jugendmusikbewegung – viel alte Musik ge-macht. Gleich nach seiner – Gott sei Dank frühen – Heimkehr von der Kriegsgefangenschaft begann die Zeit des Familien-Blockflötenquartetts, das bis zur Langzeitteilnahme beim Salzburger Adventsingen (1960 – 80) anhielt und auch jetzt noch bei Familienfesten – mittlerweile auf Eigenbau-Instrumenten von Sohn Dietmar – zum Einsatz kommt.

Von den acht Kindern lernten nach und nach alle auch Streich- und Blasinstrumente, sodass ein eigener Übestundenplan für die zwar großzügige Vierzimmerwohnung im Biedermeierhaus aus mütterlichem Verwandtschaftsbesitz in Wels erstellt werden musste; und dann gab es ja auch noch den Garten mit Veranda ...

Dass die Verbindung zu den „g’standenen“ Instrumenten immer auch aufrecht blieb, dafür sorgte schon die Obrigkeit, die ihn in seiner Lehrerlaufbahn auf insgesamt 28 Posten – übers ganze Land verteilt – versetzte, wo auch die Mitwirkung (Waldhorn) in oder die Leitung von Blasmusikkapellen von einem Lehrer erwartet wurde.

Ja, und dann war auch noch der Tänzer, Sammler und Forscher Hermann Derschmidt!

Die Anregungen dazu kamen hauptsächlich von seiner Mutter Luise, von Walther Hensel und Raimund Zoder (Wien). Wie bei den vorgenannten „Disziplinen“ bedeutete Selbertanzen, -singen oder -musizieren zugleich auch aufzeichnen. Die ersten Aufzeichnungen – Jodler und Tänze – machte er von seinem mittlerweile ins tanz- und wirtshausfähige Alter gekommenen Volksschulkameraden Otto Meisinger aus Liebenstein bei Arnreit.

Jeder neue Dienstposten brachte nicht nur einen – oft sehr improvisierten, weil voraussehbar endlichen – Wohnungswechsel mit sich, sondern bot auch die Chance, musikalisch „dem Volke aufs Maul zu schauen“ – und natürlich auch auf die Beine! Sogar die Hochzeitsreise – 1932 mit Ottilie, geb. Reichel, auf Schusters Rappen und mit Rucksack durch die nö. Eisenwurzen – wurde zu Jodleraufzeichnungen genutzt! So gab es bereits 1932 das Heftchen „Unsere Jodler“, das später in erweiterter Form – rund 100 Jodler – vom befreundeten Verlagsinhaber Heinrich Hohler (Karlsbad, später Landsberg am Lech) herausgebracht wurde. Ein zweiter Band folgte später nach. So manche Singgruppe zehrt wohl heute noch bewusst oder unbewusst (über anonyme Zwischenträger) von den hier vorgestellten Kleinoden des Volksgesangs.

Bei der fast legendären Gründungssitzung der BAG Österreichischer Volkstanz 1956 in Lienz war er selbstverständlich dabei und blieb bis zum Lebensende ein eifriger – heute sagt man so schön neudeutsch – Multiplikator bei BAG-, Landes-, Landjugend und anderen Seminaren und Kursen.

Aus seiner eigenen Jugendzeit im Oberen Mühlviertel kannte Hermann Derschmidt noch die ganz selbstverständliche Einbindung von Gesang, Musik und Tanz in den Tages- und Jahreslauf. Besonders auf die vielen kleinen Tanzformen richtete er bald sein Augenmerk, nachdem er bemerkt hatte, dass diese in anderen, stadtnäheren Landesteilen nicht (mehr?) so üppig blühten. Und natürlich hatte fast jedes Dorf „seinen“ Landler, sozusagen als den Solitär unter den Halbedelsteinen der Kleinformen, den man nur zu besonderen Anlässen – Hochzeit, Jahresfeste, ... – trägt und der erst aufzeichnungsbedingt im Nachhinein mit Ortsnamen verbunden werden musste.

Analog zu den Jodlern gab die OÖ. Landwirtschaftskammer, unter deren Fittichen jahrelang im Schloss Ort bei Gmunden „Dorfkulturwochen“ vor allem für interessierte Lehrer abgehalten wurden, einen Band „Unsere Tänze“ heraus. Aus der langjährigen Bekanntschaft mit der Passauerin Erna Schützenberger ergab sich als grenzüberschreitendes Projekt das „Spinnradl – Unser Tanzbuch“, bei dem sich einmal mehr herausstellte, dass es sich eben nur um eine politische, nicht um eine (volks)kulturelle Grenze handelt. Die fünf Hefte mit rund hundert Tänzen boten jahrzehntelang dies- und jenseits des Inns das notwendige Rüstzeug für Tanzgruppen oder „Offene Tanzen“.

Das tänzerische Credo „Vati“ Derschmidts – wie er weit über den Familienkreis hinaus gern genannt wurde – war aus eigenem, ursprünglichem Erleben geprägt von der Einsicht und Überzeugung, dass eine bunte Wiese, maßvoll mit standortbezogenen Kräutern und Blumen durchsetzt – wie man jetzt schön langsam auch in der Landwirtschaft wieder draufkommt –, mehr Geschmack und Nährwert aufweist als eine zurück gespritzte 08-15-Kümmerwiese aus den zwei, drei „Einheitsgräsern“ Walzer, Polka und – und wenn’s gut geht – Bairisch.

Der 1985 erschienene Doppelband „Tänze aus Oberösterreich“ stellt, auch was die bibliophile Ausstattung betrifft, wohl den Höhepunkt eines Sammlerlebens dar. Leider war die damalige Auflagenzahl zu knapp bemessen, sodass mittlerweile eine (leicht überarbeitete) Neuauflage in anderer Form erschienen ist.

Sozusagen als seine „Heimmannschaft“ gründete er 1949 – nach einigen Vorläufern – die „Welser Rud“, eine Gemeinschaft junger Leute, die seine vielfältigen Interessen entweder schon teilte oder doch bald teilen sollte. Das nicht direkt ausgesprochene Motto der Rud* könnte gelautet haben: „Spezialisiert auf die Vielseitigkeit!“ Wir sangen – vom Volkslied über Madrigale, Motetten, Kantaten und weltliche Chorsätze der alten Meister (Schütz, Hammerschmid, Bach ...) bis zur Moderne (Distler, David, Doppelbauer, ...) –, weil es uns Freude bereitete; wir musizierten, wieder im gleichen Spektrum, – fast alle Mitglieder spielten Instrumente! –; wir tanzten so nebenbei und verstanden uns dabei nie als reine Vorführtruppe, wenn man von den Landlern absieht – speziell „unserem“ Steinhauser Landler, der unter seinesgleichen durch besondere „Kunstfertigkeit“ hervorragt; wir trieben gemeinsam Sommer- und Wintersport und stiegen mit einer eigenen Volleyball-Mannschaft in den oberösterreichischen Meisterschaftsbetrieb ein, wo wir meist nur knapp den Meistertitel verfehlten.

  • „Rud“ – verwandt mit „Rotte“, „Rudel“, ahd. „roti“ – wird im oö. Zentralraum (Traunviertel) eine Gruppe von Leuten – ursprünglich nur unverheiratete Burschen! – genannt, die sich im Ort um Gesang, Tanz, Brauch usw. annimmt. Die Welser Rud hat bewusst von Beginn an auch das weibliche Geschlecht mit einbezogen.

Wie uns in letzter Zeit hundertfach – ohne Floskelhaftigkeit – versichert wurde, wirkt das Lebenswerk Hermann Derschmidts in so vielen Gemeinschaften und Einzelpersonen fruchtbar weiter, sodass man rückblickend getrost und ohne Pathos von einem erfüllten und überreich beschenkenden Leben sprechen kann.

Quellen

  • Der Fröhliche Kreis 2/2004
  • Arnold Blöchl: Sammeln bewahren forschen pflegen (letzter Teil). Volksmusiksammlung und Volksmusikforschung in Oberösterreich. In: Vierteltakt Nr. 4(2005), S.9.4